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Das EM-Feedback-Interview mit Co-Bundestrainer Jonny Hilberath

• Mannschaftsgold, Special-Gold und -Silber und alle drei Medaillen in der Kür – ein Riesenkompliment an den deutschen Dressursport, aber vielleicht auch eine Situation, die Neid oder Argwohn auslöst?
Jonny Hilberath Nein, gar nicht. Ich habe in Rotterdam sehr herzliche Glückwünsche von allen Nationen erfahren, absolut neidlose Anerkennung, von Reitern wie von Trainern.

• Was war Ihr persönliches Highlight bei dieser EM?
Jonny Hilberath Was ich besonders schön fand war, dass alle drei Kürmedaillen nicht an einen Typ Pferd gegangen sind. Man konnte danach nicht sagen: 'Den oder den Typ Pferd brauche ich heute, um erfolgreich zu sein.' Es waren drei unterschiedliche Pferde, drei ganz unterschiedliche Choreographien mit verschiedenen Musiken. Alle drei Damen reiten auch unterschiedlich, aber alle Drei haben ein klasse Produkt abgeliefert. Man spricht oft von der Harmonie zwischen Reiter und Pferd – das ist allen Dreien sehr gut gelungen.
Was mir außerdem sehr positiv aufgefallen ist: Es sind auch Reiter-Pferd-Paare weit vorne gelandet, die man vor der EM vielleicht nicht ganz oben auf dem Zettel hatte. Judy Reynolds, Gareth Hughes oder Henri Ruoste beispielsweise. Das ist ein wertvolles Zeichen: Du musst Dich heute nicht mehr über Jahrzehnte hoch kämpfen, man kann auch Erfolg haben, wenn man an Tag X seine Leistung bringt.

• Im Viereck sind die Paare allein, dennoch haben Sie als Trainer ja auch Ihren Anteil am Erfolg. Wie würden Sie den beschreiben?
Jonny Hilberath Natürlich waren diese Demonstrationen guten Dressur-Reitens auch ein Ergebnis dessen, was wir in Deutschland lehren und trainieren, auch Teil unseres Ausbildungssystems. Es ist auch von großem Vorteil, dass wir uns alle sehr gut kennen, lange miteinander arbeiten und die Umsetzung der Ideen, die man gibt, perfekt funktioniert. Aber am Ende ist ganz klar: Wir Trainer sind nur so gut wie es unsere Reiter ermöglichen.

• Sie trainieren regelmäßig mit den Geschwistern Werndl und kennen Jessica sehr gut. Wie haben Sie die Tage in Rotterdam mit ihr erlebt?
Jonny Hilberath: Jessi hatte sich akribisch auf dieses Championat vorbereitet. Mental und körperlich waren sie und auch ihre Stute sehr gut in Schuss. Das Malheur mit dem Äppeln in der Links-Traversale im Grand Prix war für sie wirklich eine richtige 'Klatsche'. Sie wusste – auch gerade nach ihren Leistungen im Juli in Aachen – dass sie in guter Form ist, da war dieser Fehler fast wie ein Schock. Danach hat sie sich für den Special viel vorgenommen, worin ich sie auch gepusht habe. Die Stute war wieder sehr gut drauf, aber sie hatten doch einige teure Dinger drin. Wir haben jede Runde analysiert und zwar so, dass Jessi daraus einen Schluss ziehen konnte, etwas 'in den Händen hatte'. In der Kür passte dann alles. Die Kür war eine kleine Meisterleistung.

• Sie sprechen von Analyse – kann man überhaupt während der angespannten Situation eines Championats viel bewegen?
Jonny Hilberath Man kann natürlich nicht die Reiterei umstellen, was man ja auch gar nicht will. Aber man kann schon Nuancen aufzeigen, konstruktive kleine Ideen geben – etwas mehr Tempo zum Beispiel oder hier und da etwas mehr Risiko nehmen.

• Natürlich sind Sie auch sehr nah an Isabell Werth und Dorothee Schneider dran. Wie würden Sie die beiden Damen in der Rotterdam-Woche rückblickend beschreiben?
Jonny Hilberath Beide reiten auf sehr hohem Niveau, beide haben sehr viel Erfahrung und haben alle Tage mit perfekt kontrolliertem Risiko geritten. Dieses hohe Niveau bei allen drei Damen kommt nicht vom Schulterklopfen, alle drei sind extrem selbst reflektiert, gehen nach jedem Ritt in sich. Im Grunde ist bei diesen drei Paaren jedes Mal wieder neu spannend, wer vorne landet.