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Isabell Werth spricht hier im Interview über Klarheit, Fairness, Besinnung, Desaster und die Menschen, vor denen sie den Hut zieht…

dressursport-deutschland.de: Sie reden im Zusammenhang mit der Corona-Krise auch von Besinnung…

Isabell Werth: Ich habe fast den Eindruck, dass da jemand einmal die Welt anhalten wollte, um uns zu zeigen, wie es ist, wenn man auf das Notwendigste reduziert wird. Weniger Reisen, weniger Flüge und Verkehr, die Luft und das Wasser haben mal Zeit sich zu erholen und werden deutlich besser. Vielleicht sollten wir auch zur Besinnung aufgerufen werden, sollte uns klar werden, dass dieser Stillstand auch zur Regeneration beiträgt.

dressursport-deutschland.de: Die Gesundheit im Vordergrund, aber auch aus Gründen der Fairness haben Sie sehr früh, viel früher als der Gedanke vom IOC ausgesprochen wurde, für eine Olympia-Verschiebung plädiert…

Isabell Werth: Für die Gesundheit der Menschen war diese Entscheidung überfällig. Das ist das Allererste. Und wir können jetzt auf jeden Fall klar planen, dass das Jahr 2020 ohne Olympische Spiele stattfinden wird. Auch das war ein wichtiger Schritt für alle. Die aktuelle Situation hatte längst klar gemacht, dass es überhaupt nicht möglich war, den Termin im Juli zu halten. Dass andere Länder mit der Corona-Welle zeitverzögert hinterherkommen und dass andere Sportler ihre Trainingsstätten verlassen mussten. Wir Pferdesportler können unsere Pferde noch zu Hause reiten, können sie fit halten, wenn auch ohne Wettkämpfe und damit ohne Wettkampf-Routine, aber das könnte man in relativ kurzer Zeit nachholen. Andere Sportler haben kaum eine Chance, angemessen zu trainieren. Denken wir zum Beispiel an Schwimmer – die Schwimmbäder sind alle geschlossen. Oder an Mannschaftssportler, die nicht zusammen trainieren dürfen. Für diejenigen wären die Olympischen Spiele zu ihrem ehemals geplanten Termin Ende Juli einfach unfair gewesen.

dressursport-deutschland.de: 2021 stehen auch die Europameisterschaften der Reiter im August in Budapest auf dem Plan – gibt es schon Ideen, wie hier vorgegangen wird?

Isabell Werth: Wir müssen erst mal abwarten, wie genau die Terminierung für die Olympischen Spiele sein wird. Bislang ist nur klar, dass sie im nächsten Jahr stattfinden, aber ob im Frühjahr, im Frühsommer oder im Spätsommer, ist noch offen. Klar ist nur, dass es bis zum Sommer passiert sein soll. Und erst dann kann sich herausstellen, ob danach terminlich die Europameisterschaften noch möglich wären.

dressursport-deutschland.de: Was könnte diese Krise für den Reitsport insgesamt bedeuten?

Isabell Werth: Wirtschaftlich wird das ein Desaster – für alle, aber auch für den Reitsport. Natürlich, durch den Ausfall von Turnieren fällt für Profireiter wie mich ein wirtschaftliches Standbein im Moment weg, andere Turniere werden nachgeholt. Aber die Turnierwelt wird sich wieder einpendeln und der Reitsport dazu auch. Richtig hart wird es für die Schulbetriebe. Eine Freundin von mir hat einen Pensionspferde-Betrieb mit Pony-Reitschule. Sie verliert in dieser Krise jeden Monat richtig viel Geld. Das sind existentielle Probleme.

dressursport-deutschland.de: Was ist für Sie das bisher Erstaunlichste an der Corona-Krise?

Isabell Werth: Das sind die Leistungen all derer, die in medizinischen Bereichen arbeiten. Krankenschwester, Ärzte, Pflegepersonal – vor diesen Menschen ziehe ich absolut den Hut! Es ist enorm, was diese Menschen im Moment für die Gesellschaft leisten. Chapeau!