Online-Training, Online-Turniere – die Digitalisierung im Pferdesport rast voran – mit Verlockungen und Gefahren. dressursport-deutschland.de dazu im Interview mit dem Vorsitzenden des Dressur-Ausschusses Klaus Roeser…


dressursport-deutschland: Online-Plattformen im Pferdesport schießen in diesen Zeiten wie Pilze aus dem Boden – wunderbar oder gefährlich?
Klaus Roeser: Uiha, das ist so einfach nicht zu beantworten, von beidem steckt etwas drin. Das Thema 'Online' bzw. Digitalisierung im Pferdesport muss man sicher differenziert betrachten. Wir müssen allein schon zwischen Online-Trainingsangeboten und Online-Turnierangeboten unterscheiden. Insgesamt würde ich aber sagen: Dass sich die Digitalisierung auch in Bereichen des Pferdesports getrieben durch die aktuelle Situation schneller entwickelt als es sonst der Fall gewesen wäre, ist eine der ganz wenigen guten Auswirkungen dieser Krise.


dressursport-deutschland: Fangen wir also mit einem Blick auf die Online-Trainingsangebote an…
Klaus Roeser: Online-Training kann sicherlich ein hilfreiches Tool sein, aber – und das ist ein wichtiges 'aber' – die dort aktiven Trainer sollten unbedingt im Sinne der deutschen Trainingslehre agieren, sollten fundierte Fach- und Sachkenntnis haben und die Trainingsmethoden müssen unbedingt immer zum Wohl des Pferdes ausgerichtet sein.


dressursport-deutschland: Wie ist diesbezüglich die Situation der Dressurrichter?
Klaus Roeser: Da sind meines Erachtens noch einige Fragen offen. Wie geht man mit dem Thema Befangenheit um? Mit dem Thema 'Compliance'? Das Richteramt ist ein Ehrenamt, wenn Gelder fließen wird es schwierig. Transparenz, Anonymität – all das sind Gedanken, die noch nicht zu Ende gedacht und beantwortet sind. Und ganz egal, wie und wer das Online-Training abhält, es kann immer nur eine Ergänzung zum 'reellen' Training vor Ort sein. Der Bildschirm bietet immer eine etwas andere Perspektive, nur den Blick von einer Seite. Das ist das eine und das andere: Wertvolles Training bedeutet nicht nur 'sehen', das bedeutet auch spüren, eine Situation erfühlen, Pferd und Reiter in der Gesamtheit erfassen. Das alles kann Online-Training niemals leisten.


dressursport-deutschland: Kommen wir zu dem möglicherweise noch komplexeren Thema, den Online-Turnieren. Was halten Sie davon?
Klaus Roeser: Zuallererst: Ich kann den Wunsch, auch jetzt mal wieder in einer Prüfung an den Start zu gehen, absolut nachvollziehen. Obwohl wir uns im Vergleich zu anderen Sportarten immer noch in einer sehr glücklichen Lage befinden. Dennoch denke ich, wir sollten uns mit dem Thema Online-Turniere sehr kritisch und bewusst auseinandersetzen, zumal uns das Thema wahrscheinlich auch über die Corona-Zeit hinaus erhalten bleiben wird. Ich bin durchaus ein Verfechter der Digitalisierung – gut durchdacht, da, wo es passt, und nicht als Allheilmittel. Klar ist, dass das wahre Turniergeschehen in meinen Augen immer auf einem Turnierplatz stattfinden wird – mit gleichen Rahmenbedingungen und dem gesamten Umfeld des Abreitens, der Dopingkontrollen, der Ausrüstungskontrollen, des Vet-Checks etc. All diese Themen rund um das Wohl des Pferdes und um die Chancengleichheit sehe ich bei den jetzigen Online-Turnierangeboten noch nicht ausreichend verwirklicht. Da muss sicher noch intensiv nachgearbeitet werden. Dennoch sollten wir uns dieser Thematik nicht verschließen. Das wäre absolut kurzsichtig.


dressursport-deutschland: Was schlagen Sie also vor?
Klaus Roeser: Ich denke, wir sind gut beraten, wenn wir alle Erfahrungswerte, die wir schon aus Online-Trainingsangeboten gesammelt haben und sicherlich noch sammeln werden, bewusst und kritisch analysieren. Wenn alle Bedingungen so gut ausgearbeitet sind, dass man von einem fairen Wettkampf sprechen kann, dann haben Online-Prüfungen – ich möchte das Wort Online-Turnier gerne vermeiden – sicher für den ein oder anderen Reiter ihren Reiz. Aus sportlicher Sicht müssen wir aber klar differenzieren: Die sportliche Wertigkeit eines reellen Turniers wird immer deutlich über der einer Online-Prüfung stehen.