Fünf-Sterne-Richter Henning Lehrmann betrachtet die aktuellen Diskussionen rund um Online-Turniere mit Skepsis. Ein wesentlicher Gedanke gilt dabei der Rolle der Richter.


Henning Lehrmann:
"Ich bin der Letzte, der gegen neue Ideen und neue Medien arbeitet, aber darum geht’s im Moment in der Diskussion um Online-Turniere auch nicht. Ich möchte aber gerne bewusst machen, welche Punkte eine gravierende Rolle spielen.
• Natürlich gilt dem tierschützerischen Aspekt der allererste Gedanke. Das wurde bereits in mehreren Medien und Gesprächen thematisiert. Ohne Ausrüstungs- und Dopingkontrollen und ohne Stewards vor Ort können wir meines Erachtens diesem Aspekt nicht ausreichend gerecht werden.
• Punkt zwei ist die Chancengleichheit – auch hierüber wurde bereits vielfach diskutiert. Ein Beispiel: Es regnet heftig. Der eine Reiter hat einen Ebbe-Flut-Platz, der andere einen älteren Boden ohne Drainage. Das bedeutet: der eine reitet seine Prüfung auf nahezu perfekten Bodenverhältnissen, der anderen kämpft gegen Schlamm und Pfützen. Das ist nur ein Beispiel. Hier könnte man die Liste der ungleichen Bedingungen endlos fortsetzen.
• Nächster Punkt: Startzeiten. Wenn bei Online-Turnieren feste Startzeiten vergeben werden, heißt das, dass Reiter xy um eine feste Uhrzeit einen ganzen Platz oder eine Halle für sich haben muss. Das ist in Vereinen oder in normalen Betrieben kaum möglich. So würde der Online-Turniersport ein Sport für Privilegierte, die zu Hause beispielsweise eine eigene Anlage haben und zu jeder ihnen zugewiesenen Startzeit ihre Prüfung durchreiten können.
• Weiterer Punkt: Videostandort. Gehen wir mal davon aus, dass alle Ritte vom gleichen Punkt etwa 3 m außerhalb des Vierecks vor C gefilmt werden sollen. Was machen die, deren Hallen oder Plätze nur 20 x 60 m groß sind und der Standort 3 m außerhalb des Vierecks nicht möglich ist. 
• Stichwort Video-Qualität – der eine hat eine super Kamera und einen geübten 'Kameramann', beim anderen wackelt die Aufnahme oder ist nicht ganz klar erkennbar. Der eine zoomt exakt heran, der andere kann gar nicht so weit zoomen. Oder spricht man ein generelles Zoom-Verbot aus? Dann sieht man natürlich viele Lektionen nur weit entfernt, was am Bildschirm noch einmal ungleich schwieriger ist als live vor Ort. In fünf bis zehn Jahren mag das schon wieder anders sein, wenn zum Beispiel jede Halle eine Filmkugel in der Mitte hängen hat, die in perfekter Qualität dem Pferd folgt, automatisch zoomt oder dergleichen.
• Ein Punkt zum Schluss, der mir besonders am Herzen liegt: die Richter. Werden die Prüfungen nur von einem Richter gerichtet oder gemeinsames Richten oder richten fünf verschiedene Richter alle mit demselben Blickwinkel der einen Kamera? Die unterschiedlichen Sitzpositionen der Richter in der Dressur bei traditionellen Turnieren haben sich als gut und zielführend erwiesen. Das wäre bei Online-Turnieren nicht mehr möglich.
Mein Fazit in der heutigen Situation: Ich kann mir einfach kein Online-Turnier vorstellen, das all diese Punkte so gut abklärt, dass man tatsächlich von fairen gleichen und tierschutzgerechten Bedingungen sprechen könnte.
Eine Idee wäre vielleicht, Challenge-Turniere zwischen zwei Landesverbänden o.ä. auszutragen. Stellen wir uns vor, die Bayern treffen sich mit zehn Reitern in München-Riem und die Holsteiner in Elmshorn und treten dann gegeneinander an. Mit Stewards und Kontrollen etc. Das wäre eine Variante, die ich mir eventuell vorstellen könnte.
Ich könnte mir auch vorstellen, dass ein Reiter in der heutigen Zeit eine Trainingsaufgabe mal einem Richter zuspielt, um in dieser turnierlosen Zeit mal ein Feedback zu bekommen. Das halte ich für legitim, solange der Richter kein Geld dafür nimmt (schon aus Befangenheitsgründen). Das Richteramt muss ein Ehrenamt bleiben. Das Geldverdienen in diesem Sport sollte den Profis vorbehalten bleiben."