Lösung: Intensiver Meinungsaustausch? Im Gespräch mit Dr. Dietrich Plewa.

Beim CHIO Aachen war es nicht anders als auf einigen anderen Turnieren: Die Richter waren sich häufig nicht einig. Platzziffer-Differenzen von mehr als zehn Plätzen Unterschied waren keine Seltenheit.
Frage a: Ist der Wunsch nach „Gleichrichterei“ zu groß. Sollten die Dressurfans verschiedene Ansichten einfach akzeptieren?
Das fällt in dem Moment schwer, in dem die Differenzen zu groß und nicht mehr zu verstehen sind.
Daraus folgt Frage b: Was tun gegen zu weit voneinander entfernte Richterurteile?
Dressursport-Deutschland hat darüber mit dem O-Richter Dr. Dietrich Plewa gesprochen, der auch in Aachen am Richtertisch saß.

Dressursport-Deutschland: Die Richterurteile in Aachen haben – wie bei einigen Turnieren – zu Diskussionen geführt, teilweise lagen die Kollegen weit voneinander entfernt. Wo ist Ihrer Meinung nach die Lösung des Problems? Müssen Richter doch zu bezahlten Profis werden?
Dr. Dietrich Plewa: Ich bin kein Freund von Profirichtern. Ich glaube, dadurch wird die Abhängigkeit der Richter von den Veranstaltern noch größer als sie jetzt schon ist. Wir sehen diese Tendenz auch in den USA, die quasi schon Profirichter haben. Im Moment sind die Richter im Grunde Sponsoren der Veranstalter. Wir bekommen einen Tagessatz von 100 Euro, auf manchen Turnieren werden wir verpflegt, auf anderen müssen wir uns von diesen 100 Euro auch noch etwas zu essen kaufen. Also wirtschaftlich abhängig ist zurzeit sicher kein Richter. Das wäre aber der Fall, wenn wir Profirichter einführen würden. Das würde die Abhängigkeit noch fördern und ich glaube nicht, dass es qualitativ etwas bringen würde.

Dressursport Deutschland: Wenn Profirichter nicht die Lösung sind, was ist die Lösung?
Plewa: Ich denke, es geht nur über verbesserte Schulungen und einen intensiveren Meinungsaustausch. In Aachen haben wir das auf meine Anregung hin gemacht. Wir haben uns einige Ritte noch einmal auf Video angesehen und uns sehr fruchtbar damit auseinander gesetzt. Wichtig ist, dass bei diesen Diskussionen nicht einer dominiert, dass diese Gespräche nicht politisch geführt werden. Das Ziel darf nicht sein, den anderen von seiner Meinung abzubringen oder Pferde in Schubladen zu stecken. Diese Gespräche müssen unpolitisch und vorurteilsfrei geführt werden und immer vor dem Hintergrund, dass Pferd und Reiter die Chance bekommen, es am nächsten Tag besser zu machen – ohne vorher in eine Schublade eingeordnet worden zu sein.

Dressursport Deutschland: Sie sprachen von ‚fruchtbaren Auseinandersetzungen’. Worüber haben Sie beispielsweise diskutiert?
Plewa: Zum Beispiel um das Thema Anlehnungsprobleme und wie man damit umgeht. Wir hatten Pferde mit offenen Mäulern oder Pferde, die sehr eng in der Anlehnung waren. Diese Kriterien wurden von den Richtern unterschiedlich gewichtet. Für mich ist es unmöglich, ein Pferd hoch zu bewerten, wenn es in der gesamten Aufgabe nur einmal die Nase an der Senkrechten hat – in meinem Beispiel im versammelten Schritt im Grand Prix – und sonst deutlich dahinter. Ich habe darüber auch mit dem betreffenden Nationalcoach gesprochen. Er gab mir Recht und im Special hatte die Reiterin das dann schon geändert. Es ist durchaus von Vorteil, wenn man offen diskutiert. Im Wesentlichen geht es darum, die Skala der Ausbildung höher zu gewichten als kleinere technische Fehler. Und ich bin der Meinung, die Kriterien der Skala sind in jeder Lektion neu zu bewerten. Und darüber müssen wir immer wieder sprechen und uns austauschen.