Geb.: 23. August 1996
Wohnort: Ilsfeld
Beruf: Physiotherapeutin

Ann-Kathrin Lindner:

„Ich bin ehrgeizig, manchmal vielleicht etwas zu sehr. Ich denke, ich kann mich gut auf Pferde einstellen und habe gelernt, mich zu konzentrieren statt aufgeregt zu sein.“
 

 

Foto: Privat

„Das war optimal: Wir sind ungefähr zehn Kilometer mit dem Fahrrad zur Schule gefahren und auf der Hälfte der Strecke lag unser Stall“, lacht Ann-Kathrin Lindner. „Da konnte man vor der Schule immer noch schnell einen Abstecher machen.“ Das war Vorteil Nummer eins, Nummer zwei: „Durch das viele Fahrradfahren waren wir richtig fit.“
Bei Familie Lindner hat sich schon immer nicht ganz alles, aber sehr viel um Pferde gedreht. Mutter Ulrike Königs-Lindner, Vater Werner Lindner und Ann-Kathrins älterer Bruder Pascal sind allesamt im Springsattel gewesen oder sind es immer noch. Nur Ann-Kathrin 'tanzt aus der Reihe' und ist im Dressursport zu Hause. „Als ich etwa sieben war, habe ich ein Springpony bekommen, Kimberly. Sie stand zuvor bei einer älteren Dame in Schwerin, bei der sie so eine Art Hofhund war und zum Frühstück immer mit auf die Terrasse kam“, erinnert sich Ann-Kathrin. „Das war ein ganz tolles Kinderpony, ein Herzenspony, aber mit ihr habe ich gemerkt, dass ich eigentlich Angst vorm Springen habe.“ Also hat Bruder Pascal Kimberly übernommen und Ann-Kathrin hat sich ab dann auf die Dressur konzentriert.
Das erste Pony für Ann-Kathrin hat Vater Werner per Foto im Internet entdeckt und sich verliebt. „Flori war ein kleines dickes Pony und sie war wunderschön. Sie stand bei einem Bauern in Mecklenburg-Vorpommern und wurde Papa auf einer Wiese vorgeritten.“ So schön Flori auch war, sie war denkbar ungeeignet für die damals sechsjährige Ann-Kathrin. „Flori konnte noch gar nichts und beim Putzen hat sie gebissen und geschlagen. Mama musste sie immer vorne festhalten, wenn ich sie striegeln wollte.“ Manchmal habe sie zwei Stunden gebraucht bis Flori durchs Genick ging. „Papa und ich mussten uns immer wieder neue Strategien ausdenken, wie wir es bei Flori hinkriegen, vieles mussten wir aus dem Bauch heraus entscheiden.“ Einmal pro Woche hatte Ann-Kathrin damals Unterricht bei dem bekannten Dressurausbilder Bertin Pötter. Auch Pötter schien das Pony zu reizen und er behielt es eine Woche in seinem Stall. Nach der Woche war sein Kommentar so kurz wie eindeutig: „Ich möchte mich nie wieder auf dieses Pony setzen.“ Vier Jahre haben Ann-Kathrin und Flori zusammen verbracht und „manchmal habe ich sie knacken können. Wir haben sogar L-Dressuren gewonnen“, strahlt Ann-Kathrin. Aber im Umgang sei Flori immer schwierig geblieben.
Als Flori wegen einer Sehnenverletzung nicht mehr im Sport gehen konnte, traf Familie Lindner auf der Suche nach einem neuen Pony über Familie Frenzen auf Familie Brandl. „Wir haben uns sofort sehr gut verstanden und Brandls haben mir über Jahre viele Ponys zur Verfügung gestellt.“ So ging Ann-Kathrin bei den Bundeschampionaten an den Start, beim Preis der Besten und bei den Deutschen Jugendmeisterschaften. Doch das Ende der Ponyzeit kündigte sich an, der Umstieg auf Großpferde war unaufhaltsam – und es wurde eine ähnlich spannende Geschichte wie mit Flori.
„Dulcia war im Lot der Oldenburger Winterauktion, wir kannten den Züchter und Besitzer. Eigentlich war die Dreijährige mit 1,63 Metern Stockmaß zu klein, weil ich schon damals ziemlich groß war, aber sie hatte einen super Grundgalopp.“ Das Vorreiten durch die Auktionsreiter war ernüchternd. Die Stute war aufgeregt, verspannt und riss den Kopf hoch. „Ich weiß nicht, warum, aber ich habe mich sofort wohl auf ihr gefühlt.“ Am Tag der Auktion lag das Auktionszentrum in tiefen Schnee gehüllt, nur wenige Bieter hatte den Weg nach Vechta gefunden. Zuschlag für Familie Lindner! „In der ersten Woche bin ich siebenmal von ihr runtergeflogen.“ Aber Ann-Kathrin hat die Zähne zusammengebissen und sich durchgekämpft. „Ich habe mir viel Zeit mit ihr gelassen. Und es wurde besser und besser. Mit Dressurpferde L- und M-Prüfungen haben wir angefangen und waren zwar nie ganz vorne, aber immer platziert.“ Und sie kletterten die Erfolgsleiter weiter nach oben – bis zum Zwei-Sterne-Bereich. „Ich habe fünf S-Dressuren in Folge mit ihr gewonnen und im Kurz-Grand Prix waren wir Zweite. Ich habe ihr längst den schwierigen Anfang verziehen.“
Spätestens mit Dulcia war klar: Ann-Kathrin hat verdammt gute Nerven und ein geschicktes Händchen für nicht ganz einfache Pferde. Kein Wunder, dass ihr Vater ihren Namen ins Spiel brachte als …
Nathalie Betz war mit ihrem Rubin Renoir auf einem Turnier in der S-Dressur am Start. Vor Ort dort erzählte die Familie Vater Lindner, dass die Reiterin nicht mehr so viel Spaß an ihrem Pferd habe. Werner Lindner erklärte spontan: 'Ich wüsste, wer Spaß hätte.'“ Ann-Kathrin fuhr zu dem Turnier, setzte sich auf Rubin Renoir und ritt in die S-Dressur. „Ich hatte noch nie Serienwechsel oder Pirouetten geritten und das Pferd kannte ich auch nicht, aber wir haben es einfach probiert.“ Rubin Renoir, Rudi genannt, war Ann-Kathrins 'Glückstreffer'! „Er konnte alle Lektionen, ich habe so viel von ihm gelernt. Und es war immer spannend!“ Er ist gestiegen, ist diverse Male aus dem Viereck herausgesprungen und ein Jahr lang klappte die Grußaufstellung nicht mehr, weil einmal auf einem Viereck bei X eine Pfütze war. „Wenn es kälter als fünf Grad wurde, mussten wir ihm immer einen Eimer mit warmem Wasser zum Trinken geben. Sonst hat er nicht getrunken, das war ihm zu kalt.“ Aber das Paar hatte sich gefunden. Viele S-Dressuren haben 'Rudi' und Ann-Kathrin gewonnen, waren im Finale der Deutschen Jugend Meisterschaft und Zweite im Finale des i-West-Cups in der Stuttgarter Schleyerhalle.
Neben der Schule ritt Ann-Kathrin immer zwischen vier und fünf Pferde, oft waren es nicht die einfachsten. „Ich fand das immer am Allerspannendsten zu sehen, was aus den Pferden werden kann.“ Nach der Schule startete Ann-Kathrin direkt weiter durch und machte ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin. „Das ist super, das ist genau mein Ding“, schwärmt sie. „Ich arbeite 30 Stunden in einer kleinen Praxis in Weinsberg, Freitags habe ich frei.“ So kann sie ihre Arbeit gut mit ihrem engagierten Hobby vereinbaren, auch mit den Turnierstarts.
Der Mai 2019 war für Ann-Kathrin Lindner ein besonderer Mai, ein besonderer Monat. Nach einem super erfolgreichen Wochenende beim Maimarkt-Turnier in Mannheim kam der Anruf von Bundestrainer Sebastian Heinze: die Kaderberufung! „Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet. Ich dachte, mit unseren Mitteln ist das unerreichbar!“ Möglich gemacht hat diesen Erfolg nicht zuletzt: Sunfire! Der 1,86 Meter San Amour-Sohn war sechs als er zu Ann-Kathrin kam. „Er konnte wirklich nichts. Man konnte ihn kaum auf dem Zirkel reiten.“ Auch bewegt habe er sich sehr normal. „Aber dann habe ich an der langen Seite mal zugelegt. Ich konnte kaum glauben, wie er losgetrabt ist! Aber am Ende der langen Seite hat er die Bremse reingehauen und ist gestiegen.“ Die erste Woche sei furchtbar gewesen. „Mir war morgens schon schlecht, wenn ich daran dachte, dass ich mittags Sunfire reiten muss.“ Ihre Taktik war simpel – und sehr erfolgreich. „Ich habe ihn die ersten Wochen immer nur nach vorne geritten. Inzwischen ist er absolut brav und tiefenentspannt. Ich springe ein bisschen mit ihm, reite mit ihm ins Gelände – das liebt er – und er ist sooo brav!“
Seit Ende 2017 hat Ann-Kathrin neben ihrem Vater, der sie schon von klein auf unterrichtet, einen neuen Trainer: Karl-Heinz Streng. „Kalli Streng ist ein Traum als Trainer. Es gibt kein besseres Vorbild!“ Seitdem habe sie noch mal einen Riesenschritt nach vorne gemacht. 2018 haben die beiden das i-West-Cup-Finale in Stuttgart gewonnen, 2019 über den Piaff-Förderpreis den Zugang zu Deutschlands Top U25-Reiter geschafft. „Die Unterstützung, die man im Piaff-Förderpreis erhält, ist unglaublich. Man kann über alles offen mit dem Bundestrainer reden, er gibt unendlich viele Tipps. Das ist so schön, so toll!“, ist Ann-Kathrin begeistert.
Ein Leben ohne Reiten? „Kann ich mir absolut nicht vorstellen. Es macht mir jeden Tag Spaß und eigentlich jeden Tag mehr. Am meisten liebe ich es, wenn es Probleme mit Pferden gibt und ich dann Lösungswege finde. Das finde ich einfach toll!“